Bericht zu: „Gehören wir noch zum Wir?“ und „Antisemitismus und die AfD“„Die Verschwundenen“ Erinnerung sichtbar machen

Im April organisierte der Verein Sie waren Nachbarn zwei Veranstaltungen in der Dorotheenstädti­schen Buchhandlung in der Turmstraße 5. Beide Abende waren mit ca. 30 Teilnehmer*innen gut be­sucht. Wir danken allen für ihren Besuch sowie für die lebhaften Diskussionen.  

Antisemitismus in Berlin

Am 15. April starteten wir mit einem Gesprächsabend mit Herrn Sigmund Königsberg, dem Antise­mitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde Berlin, mit dem Titel „Gehören wir noch zum Wir?“. Die Frage deutete an, dass es um die Situation von Jüd*innen angesichts zunehmender antisemiti­scher Vorfälle und Einstellungen in Berlin ging. In Anbetracht der von dem Nahost-Thinktank Me­na-Watch veröffentlichten Zahlen von  2.267 registrierten antisemitischen Delikten in Berlin im Jahr 2025 im Vergleich zu 381 Fällen in 2022, war die Frage des Veranstaltungstitel nicht von der Hand zu weisen.Dieser Anstieg wurde im Kontext des Nahostkonflikts betrachtet, doch sollte nicht übersehen werden, dass er bereits während der Corona-Pandemie durch antisemitische Verschwö­rungserzählungen und NS-verharmlosende Symboliken begann.

Im Gespräch verwies Herrn Königsberg anhand mehrerer Beispiele darauf, dass die jüdischen Mit­bürger*innen verunsichert seien und eine fehlende Solidarität im Alltag erfahren würden. Jüdisches Leben drohe mehr und mehr zu verschwinden, wenn Jüd*innen sich in der Öffentlichkeit nicht mehr trauten, Hebräisch zu sprechen oder religiöse Symbole zu tragen.

Auch die Brückenfunktion des Antisemitismus zwischen extrem rechten, politisch-linken und mi­grantisch-muslimischen Kreisen war ein Thema des Abends.

Die bestimmende Frage des Abends war allerdings: „Was tun gegen den verbreiteten Antisemitis­mus?“. Eine eindeutige, befriedigende Antwort konnte Herrn Königsberg selbstverständlich nicht geben. Trotzdem wurde deutlich, dass Solidarität und Zuspruch im Alltag den Betroffenen hilft, um zu verdeutlichen, dass sie nicht alleine sind.

Gesprächsabend

Der blinde Fleck

Die zweite Veranstaltung beschäftigte sich mit dem Antisemitismus der AfD. Die Bedeutung der Thematik erklärte der Autor Stefan Dietl zu Beginn damit, dass in allen Analysen der AfD der Anti­semitismus in der Partei wenig bis gar nicht berücksichtigt werde. Dies ermöglicht der AfD sich in der Öffentlichkeit als Verteidigerin Israels und Beschützerin der Jüd*innen zu präsentieren.

Stefan Dietl zeigte anhand des Geschichtsbildes der AfD und der Bedeutung von antisemitischen Verschwörungserzählungen auf, wie tief der Antisemitismus in der AfD verankert sei. Der ge­schichtsrevisionistische Ansatz der Rechtsextremen beinhalte den Versuch die Erinnerung an den Nationalsozialismus zu marginalisieren, was die Bezeichnungen „Vogelschiss“ oder die „Zwölf Jah­re“ eindrücklich belegten.

Auf der anderen Seite diene antisemitische Verschwörungserzählungen als Erklärungsmuster für die aktuellen Krisen. Dabei handele es sich um Behauptungen, in denen elitäre Geheimzirkel eine ele­mentare Rolle spielen würden, die den „Bevölkerungsaustausch“ planten oder eine absolute Kon­trolle der Bevölkerung anstrebten. Häufig würde dafür als Chiffre der Milliardär George Soros be­nutzt.

Auch an diesem Abend drehte sich die Diskussion in großen Teilen um den linken Antisemitismus, die Frage „Was tun?“ sowie um die Ursachen des Aufstiegs der AfD. Stefan Dietl bezeichnete den steigenden Autoritarismus ,der sich in breiten Teilen der Bevölkerung und auch auf linker Seite zei­ge, als eine der größten Bedrohungen und Ursachen für den Aufstieg der AfD.

Als mögliche Antworten auf die AfD war die einhellige Meinung, dass  die lokale Präsenz von Or­ganisationen wie Gewerkschaften und Vereinen den Zusammenhalt in der Bevölkerung stärken könnten, und damit die Leerstellen wieder füllen könnten, die momentan die AfD mit populisti­schen Parolen besetze.